Die Kunst, sich zu langweilen


Vor einigen Wochen lag ich im Aufwachraum einer Klinik, frisch operiert an der Bandscheibe, und machte eine Entdeckung, die mich bis heute beschäftigt. Wer schon einmal eine Kurznarkose – etwa mit Propofol bei einer Magenspiegelung – erlebt hat, kennt das sanfte Gleiten durch kurze, oft angenehme Traumsequenzen. Das Gehirn behält eine vage Chronologie; der Übergang zurück in die reale Welt ist fliessend. Doch dieses Mal, nach einer tiefen Allgemeinanästhesie, war es anders. Die Medikamente hatten das Gehirn so tief ausgeschaltet, dass kein Platz für Träume blieb. Als ich die Augen öffnete, war für mich subjektiv keine Zeit vergangen. Zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen lagen gefühlt nur Sekunden, anstelle von real dreieinhalb Stunden. In diesem Moment überkam mich eine tiefe Unwilligkeit und ich hatte schlichtweg keine Lust, schon wieder aufzuwachen. Irgendwie fühlte ich mich um die Ruhe im Schlaf, die Träume und um die Erholung betrogen. Und, ganz ehrlich, der Aufwachraum eines mit industrieller Effizienz betriebenen Krankenhaus, wo man sich wie ein Werkstück auf dem Fließband fühlt, ist auch nichts, wo man gerne hin will. Dank ausreichend Morphium war mir das dann aber – wie auch alles andere – erst einmal weitgehend egal.

Später habe ich mich gefragt, ob dieser Unmut, aus dem «Nichts» wieder aufzutauchen, vielleicht Ausdruck einer versteckten Todessehnsucht gewesen sein könnte. Denn so müsste sich der Tod ja „anfühlen“, nämlich nach gar nichts. Warum sollte jemand dorthin zurück wollen? Nun, manch einer, der schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, der sich viele Jahre durch seinen Brot-Job quält, Kinder grosszieht, nicht mehr bei jedem neuen Trend mitkommt – der kennt vielleicht den Gedanken, dass das Leben doch ganz schön lang sein kann (Achtung: Wer das öfter denkt hat wahrscheinlich eine Depression und sollte sich in Behandlung begeben…).

Medizinisch lässt sich diese Unlust aber wohl dadurch erklären, dass ich mich in einem chemisch induzierten Ausnahmezustand befand. Die Synapsen standen unter dem Einfluss hochpotenter Opiate und Sedativa; die Unwilligkeit war vielleicht nur Ausdruck des Protests eines Nervensystems, das gerne noch ein bisschen in der künstlichen „Deprivationskammer“ verbleiben wollte. Also, kein Grund zur Sorge, denn der Zustand hielt nicht lange an. Aber die Erfahrung klingt nach, und das vage Gefühl: Totsein ist eigentlich ganz ok…

Jetzt frage ich mich, ob es an der Stelle nicht einfach um den Wunsch ging, mal so richtig abzuschalten und den ganzen Rummel für eine Weile hinter sich zu lassen? Immerhin war die Zeit im Vorfeld der Operation bedingt durch die Folgen des Bandscheibenvorfalls alles andere als erholsam, von dem Stress der OP-Vorbereitung mal ganz abgesehen. Eine Vollnarkose scheint als „Pause“ aber offensichtlich weniger geeignet, denn wenn man kein Zeitgefühl hat, erholt man sich ja wie gesehen auch nicht. Da ist «Abschalten» dann zu wörtlich gemeint.

Reden wir also über das Bedürfnis nach echter Pause, also Zeit, die effektiv der Erholung dient. Im Alltag ist „Pause“ fast zu einem pervertierten Begriff geworden. Wir füllen eine fünfminütige Arbeitsunterbrechung mit dem hektischen Blick aufs Smartphone, überfluten uns nach Feierabend weiter mit medialen Reizen oder gehen mehr oder weniger stressigen Aktivitäten nach. Oder funktionieren immer weiter im häuslichen, familiären Kontext – und glauben das wäre Erholung. Selbst Urlaube werden oft akribisch durchorganisiert, optimiert und damit einer allgegenwärtigen Logik des Leistungsdrucks unterworfen. Für das Gehirn ist das keine Entlastung, sondern die Fortsetzung des Funktionieren-Müssens in anderem Kontext.

In einer dauerbespaßten und auf Effizienz getrimmten Welt verlernen wir, das zu pflegen, was die Hirnforschung als das Default Mode Network – das Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns – beschreibt. Erst wenn der Input und die ständigen Anforderungen von außen wegfallen, schaltet das Gehirn in diesen Modus um. Es beginnt dann, Informationen im Hintergrund neu zu verknüpfen und das Ich sanft zu sortieren. Möglicherweise brauchen wir regelmäßig solche Phasen, um auf Dauer psychisch gesund zu bleiben?

Als Kind ergab sich das automatisch. Anders als heute schon bei Grundschülern oft zu sehen, waren meine Tage nicht komplett durchorganisiert. Besonders in den scheinbar endlosen, zähen Wochen der Sommerferien gab es diese Phasen der tiefen, bleiernen Langeweile. Man lag auf dem Teppich, starrte an die Decke und wusste nichts mit sich anzufangen.

Doch genau aus dieser Lethargie heraus entstand irgendwann ein neuer Impuls. Plötzlich flammte eine Idee auf für ein neues Projekt: Der Bau eines Modellflugzeugs, das Suchen nach Versteinerungen im Steinbruch oder der Griff zu einem Buch, das schon ewig unberührt im Regal lag. Die Langeweile war kein Mangel, sondern der Humus für neue Impulse, neue Erfahrungen und dadurch auch irgendwie für echte Erholung.

Um der Sehnsucht nach der echten Pause im Alltag entgegenzukommen, sollten wir vielleicht hin und wieder dieses „Sommerferien-Prinzip“ anwenden. Es geht nicht darum, sofort immer wieder etwas Neues anzufangen, sondern zunächst einmal darum, Altes konsequent wegzulassen. Es gilt, Räume der Ziellosigkeit, der Zweckfreiheit zu schaffen und sich darin zu üben, nichts zu tun oder zu wollen – und sich durchaus auch zu langweilen.

Können wir den Mut aufbringen, das Bewusstsein für eine Weile auf Leerlauf zu stellen, ohne sofort nach der nächsten medialen Droge oder der nächsten Aktivität zu greifen? Vielleicht verwandelt sich die Erschöpfung des ständigen Getriebenseins und Funktionierenmüssens dann wieder in die lebendige Energie des Entdeckens.

Und dabei scheint, zumindest bei mir, ein bisschen Langeweile durchaus hilfreich zu sein. Wenn wir dem Geist erlauben, eine Zeit im absichtslosen Stand-by zu verweilen, kehrt er irgendwann zurück – mit neuen Ideen, die das Leben wieder spannend machen.

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