Relevanzkrise der Kirchen: Was bleibt?

Warum verlassen in vielen Ländern Europas immer mehr Menschen die Kirchen? Das Thema beschäftigt mich seit langem aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist, dass ich nicht verstehe, warum die christliche Botschaft keine Resonanz mehr zu finden scheint. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst sowohl Naturwissenschaftler als auch Theologe bin – ein „abgebrochener“, aber immerhin. Ich könnte mich einen „Student der Theologie“ nennen, aber damit würde ich mich auf eine Stufe mit Karl Barth stellen, einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, was mir wahrhaftig nicht zusteht.

Wie auch immer, einige Jahre Theologie-Studium, insbesondere der historisch-kritischen Textforschung, ließen mich in Bezug auf wesentliche kirchliche Dogmen als Agnostiker zurück (wie vermutlich 90 % aller Theologen, auch wenn das keiner zugibt, der bei der Kirche angestellt ist oder werden will…). Für mich war schnell klar, dass ich unter solchen Umständen sicher kein Pfarramt ausüben könnte. Denn solche Pfarrer gibt es wohl schon mehr als genug. Aber bevor hier ein falscher Zungenschlag aufkommt – DAS ist nicht unbedingt der Grund, warum die Kirchen in einer Relevanzkrise stecken. Jedenfalls nicht der eigentliche Grund.

Der Grund scheint mir, kurz zusammengefasst, dass es zunehmend schwieriger wird, an einen (personalen, gerechten) Gott zu glauben. Und dieser Unglaube kulminiert in dem zentralen Ereignis, welches quasi der Urknall des christlichen Glaubens ist, nämlich die Auferstehung des gekreuzigten Wanderpredigers Jesus „am dritten Tag“ (eigentlich waren es nur 1 ½ Tagen, Freitagnachmittag bis Sonntagmorgen), die für den modernen Menschen einfach völlig unverständlich und unglaubwürdig erscheint. Und das zu glauben ist schlussendlich die Eintrittskarte in den Verein, wie auch immer man das dreht.

Niemand weiß, was damals wirklich passiert ist. Das leere Grab bezweifelt kaum jemand, sowas tut dem Verstand ja auch nicht besonders weh. Irgendwer hat womöglich die Leiche Jesu entfernt, vielleicht die Schergen der Hohepriester, die Angst hatten, dass dort ein Wallfahrtsort entstehen würde (was später dann ja auch passierte, aber da gab es die Hohepriester und den Tempel längst nicht mehr), vielleicht der eigentliche Besitzer der Grabkammer, der sie noch für sich selbst nutzen wollte. Vielleicht ein fanatischer Jünger. Oder hat Jesus die Kreuzigung überlebt? Klingt unwahrscheinlich, aber eben, wir wissen nicht, was wirklich passiert ist.

Alle Berichte über die Kreuzigung, die Auferstehung und die Begegnungen mit dem Auferstandenen aus der Bibel entstammen der sog. „nachösterlichen Gemeindetradition“, sind also nicht als Tatsachenberichte gemeint und zu lesen, sondern als „Verkündigung“, als Predigt und Glaubenszeugnis. Doch auch hier gehen alle theologisch Informierten noch mit: Offensichtlich glaubten die Jünger Jesu nach der Katastrophe vom Karfreitag wirklich, dass Jesus nicht tot ist.

Die dogmatische Erklärung dafür ist, dass je nachdem Jesus entweder tatsächlich leiblich auferstanden ist oder sein Körper „transformiert“ wurde in einen „geistlichen“ Leib – so oder so auf eine Weise, die dem logischen Verstand verborgen bleibt.

Die Bedeutung der Auferstehung aus der Sicht der ersten christlichen Gruppen (zuerst nur eine neue Strömung innerhalb der jüdischen Gemeinden) war ungefähr folgende:

Ein Messias, der umgebracht wurde, war ein falscher Messias. Davon gab es in der Zeit Jesu viele. Die meisten behaupteten, von Gott gesandt zu sein und wollten einen apokalyptischen „Heiligen Krieg“ gegen die Römer führen, um das Königtum Davids in Judäa wieder herzustellen. Das haben sie in der Regel nicht überlebt. In der Antike war klar: Wer Erfolg hat, hat recht. Wer dagegen umgebracht wird, der hat Gott nicht auf seiner Seite gehabt, ist also kein echter Messias.

Nun hat Jesus aber anscheinend keinen Krieg führen wollen, sondern, im Gegenteil, unbedingte Nächsten- und Feindesliebe sowie Fürsorge für Arme, Kranke und Ausgestoßene gepredigt. Das kam den Juden seiner Zeit seltsam vor, denn dass war nicht der Messias auf den sie hofften.

Trotzdem waren seine Jünger wohl davon überzeugt, dass er von Gott gesandt war. Und dieser Glaube wurde durch Jesu Kreuzigung zerschmettert.

Doch dann kamen sie auf die Idee, wie auch immer, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Das war für sie das untrügliche Zeichen dafür, dass er eben doch der echter Messias war. Und das wurde von Gott nun ultimativ durch das Auferstehungswunder bestätigt. Aber das machte seinen Tod für die Jünger nicht weniger erklärungsbedürftig. Und diese Erklärungsnot war der Ausgangspunkt für die Sühneopfer-/Erlösungstheologie, die sich dann im Rückgriff auf die entsprechenden Stellen der Thora innerhalb weniger Jahre entwickelt hat.

Jetzt könnte man denken: Die ethische Botschaft Jesu hatte doch auch für sich genommen genug revolutionäre soziale Sprengkraft, das wäre doch auch ohne Auferstehung und Erlösungstheologie etwas wertvolles gewesen, oder? Die Antwort darauf ist: Wahrscheinlich wüssten wir ohne Auferstehung heute nichts mehr davon. Die heute seltsam mythologisch anmutende Geschichte von der Auferstehung und die daraus abgeleitete Theologie von Sühneopfer und Erlösung der ganzen Menschheit machte damals die Sache zum Angelpunkt der gesamten Welt- und Heilsgeschichte. In einer Welt, in der der Glaube an Götter, Geister, Dämonen und Zauberei völlig normal war, war das ein absoluter Knüller – eine Befreiung von rachsüchtigen Gottheiten, denen man ständig opfern musste, von Horoskopen und von all dem anderen Aberglauben. Im Vergleich dazu waren die ethischen Regeln und praktischen Weisheiten des irdischen Jesu, für sich genommen, nachrangig. Paulus hat die Ethik in seinem theologischen System mehr oder weniger aus seiner Erlösungstheologie extrapoliert, denn er hatte Jesus nie selbst kennen gelernt.

Was allgemein Ethik angeht, so gab es damals übrigens noch ganz andere Schwergewichte, den Platonismus, die Stoiker und noch viele andere Strömungen und Kulte, die mehr „intellektuelle Substanz“ und lange Denktraditionen bieten konnten (und die den meisten Menschen damals wohl auch weniger widersinnig erschienen).

Dass in unserer heutigen Zeit die Sühnetheologie (Jesus stirbt für unsere Sünden, um den Zorn Gottes zu besänftigen) oft kaum noch überzeugt, hat vermutlich einen einfachen Grund: Dieses antike Deutungsmuster hat seine Plausibilität längst verloren. Für den Menschen der Antike dagegen war die Vorstellung von Opfern, Sühne und der Wiederherstellung einer kosmischen Ordnung durch Blut vollkommen logisch. Für uns heute – zumindest für die Agnostiker – ist das ein anthropologisches Relikt. Ein Gott, der das Blut seines Sohnes braucht, um vergeben zu können, wirkt auf den modernen Menschen eher befremdlich als tröstend.

Historisch gesehen war die Sühnetheologie aber so etwas wie die «Trägerrakete», die notwendig war, um die Raumkapsel mit der Botschaft der radikalen Nächstenliebe und der Entmachtung des Egoismus aus der Anziehungskraft der damaligen Zeit in die Umlaufbahn der Weltgeschichte zu schießen. Denn erst die kosmische Dimension des Erlösungsglaubens gab den Menschen die beispiellose, mitunter fanatische Energie, für diesen Glauben in die Löwengruben und Arenen Roms zu gehen. Nur wenige Märtyrer sterben für eine „gute Sozialethik“. Man starb aber massenhaft für den auferstandenen Herrn der Welt und das Reich Gottes.

Heute, nach 2000 Jahren, ist diese Trägerrakete (die paulinische Dogmatik) für viele ausgebrannt und abgestürzt. Was aber bleibt, ist die Kapsel. Und diese Kapsel enthält genau das, was unsere gegenwärtige Welt dringend braucht: Eine Ethik, die den Menschen aus seiner Entfremdung befreit und ihm sagt: „Du bist nicht das, was du besitzt, was du leistest oder was das System aus dir macht. Du bist ein einzigartig wertvolles Wesen mit absoluter Würde, und deine Aufgabe ist es, diese Würde auch im Anderen zu schützen.“

Paulus hat diese Botschaft gerettet, indem er sie mythologisierte. Wir retten sie heute vielleicht nur, indem wir sie entmythologisieren und wieder ganz praktisch beim Wort nehmen.

Man könnte im Übrigen meinen, dass die Ethik der Menschenwürde heute doch längst in säkularen Institutionen wie der UN-Charta der Menschenrechte oder auch dem Deutschen Grundgesetz umgesetzt wurde – und darum den Kirchen ihr „Monopol auf Menschenwürde“ genommen wurde. Leider ist alles an dem Satz falsch.

Wir spulen vor ins 21. Jahrhundert….

So mancher hat das Gefühl, dass das soziale Klima in der Gesellschaft immer rauer wird. Der ungeschminkte Egoismus wird immer breiter akzeptiert. Er gilt geradezu als „smart“, und zwar nicht erst seit Trump oder den Hetzparolen einer AfD. Regeln sollen am besten nur für die anderen gelten, für mich dagegen will ich maximale Freiheiten in Anspruch nehmen.

Die Ungleichheit der Vermögensverteilung steigt immer mehr und ist längst nicht mehr ein gut verdrängtes internationales Thema (Stichwort Nord-Süd-Gefälle), sondern zunehmen auch ein soziales Binnenthema. Damit verbunden schrumpfen die Sozialsysteme und die Gesundheitsleistungen. Der Anteil der Bevölkerung, für den das Leben wirtschaftlich schwierig ist, steigt.

Wir erleben gleichzeitig den fortdauernden Aufstieg eines „Krypto-Feudalismus“, der auf Vermögen beruht, die so gross sind, dass ganze Dynastien davon leben können. Die demokratischen Institutionen stehen in der Gefahr, immer mehr zum Puppentheater des Kapitals zu werden. Soziale Gerechtigkeit wird nicht mehr vom Staat garantiert.

Und gleichzeitig werden die Menschen sozial immer mehr isoliert, nicht zuletzt durch die sog. „Sozialen Medien“ (wir sollten sie daher wohl besser „Asoziale Medien“ nennen). Alles unterliegt einem ständigen Optimierungszwang und wird immer „virtueller“ oder „digitaler“. Eine der grossen Wahnvorstellungen unserer Zeit besteht darin, dass wir all unsere Probleme dadurch lösen könnten, dass wir in allem immer „effizienter“ werden. Und auch so werden immer mehr Menschen abgehängt. Kurz gesagt: Der enorme Materialismus, das Diktat der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die abnehmende Teilhabe (schon aus wirtschaftlichen Gründen), die Abwertung von Sinn und Bedeutung durch das Konsum-Paradigma usw. lassen mich befürchten, dass wir zurückfallen in frühere Zeiten.

Und hier schließt sich historisch ein fast schon unheimlicher Kreis: Die Welt, in der wir heute leben, ähnelt sozial und psychologisch immer mehr der Welt, in der das frühe Christentum entstand.

Wenn wir meine rudimentäre soziologische Analyse neben die historische Realität des 1. Jahrhunderts legen, wird deutlich, warum Jesu Botschaft heute tatsächlich so radikal notwendig ist wie lange nicht.

Phänomen heuteDie Parallele im antiken Rom
Krypto-Feudalismus & UngleichheitEin winziger Kreis von senatorischen und ritterlichen Dynastien besaß fast das gesamte Vermögen des Reiches. Die breite Masse lebte in prekären Verhältnissen in den Mietskasernen Roms.
Raues soziales Klima / EgoismusDie römische Gesellschaft war brutal hierarchisch und egoistisch. Mitleid galt oft als Schwäche. Recht hatte, wer Macht oder Geld hatte.
Vereinsamung & Virtuelle IsolationDie Metropole Rom war eine anonyme Millionenstadt. Menschen verloren ihre familiären Wurzeln in den Provinzen und waren sozial isoliert und entwurzelt.
Konsum-Paradigma & SinnverlustDas kaiserliche Prinzip von „Panem et Circenses“ (Brot und Spiele) – billige Nahrung und brutale Unterhaltung im Kolosseum –, um die Massen ruhigzustellen und vom Mangel an echter politischer Teilhabe abzulenken.

In genau diese Welt des antiken Feudalismus platzte die christliche Bewegung hinein. Und sie wirkte dort wie ein psychologischer und sozialer Sprengsatz, weil sie genau den Gegenentwurf lieferte, den wir heute schmerzhaft vermissen:

  • Radikale Dekonstruktion des sozialen Status: In einer Welt, in der der Wert eines Menschen von seinem Sklavenstatus, seinem Vermögen oder seiner römischen Bürgerschaft abhing, sagte das Christentum: Vor Gott gibt es weder Sklave noch Freie, weder Jude noch Grieche. Jeder Mensch besitzt dieselbe unantastbare Würde (Imago Dei).
  • Gelebte Solidarität statt staatlicher Almosen: Während der römische Staat Getreide nur zur Ruhigstellung verteilte, organisierten die frühen Christen eine echte, verlässliche Sozialfürsorge aus eigenen Mitteln. Sie pflegten Kranke (auch Fremde bei Pestepidemien), unterstützten Witwen und teilten ihren Besitz. Das war kein staatliches Programm, sondern gelebte Ethik.
  • Sinn gegen den Nihilismus: Gegen die Sinnleere des Panem et Circenses setzte das Christentum eine existentielle Hoffnung. Das Leben war nicht nur das Warten auf den nächsten Gladiatorenkampf, sondern hatte eine kosmische Bedeutung und Würde.

Wir merken es nicht, vielleicht weil wir medial oder auch durch trügerische Konsumversprechen schon zu abgestumpft sind, aber faktisch leben wir ja in einer Welt, in der (mindestens im großen Maßstab) das Recht des Stärkeren (Reicheren) gilt. Ebenso ist die Grundüberzeugung der Antike weit verbreitet „Der Erfolg gibt einem Recht“.

Auch wer nicht in einer ausgesprochenen Diktatur mit perfider «hardcore»-Propagandamaschine lebt, wird ständig mit „softcore“-Propaganda berieselt, die das gegenwärtige System stabilisiert, nicht zuletzt durch mediale Nebelkerzen zur Ablenkung und Glückversprechen durch Konsum.

Es ist das, was man als „smarte Herrschaft“ bezeichnen könnte. Man zwingt die Menschen nicht, dem System zu dienen; man bringt sie dazu, es freiwillig zu tun, indem man die allgemeinen Wertvorstellungen manipuliert und die Menschen in eine permanente Schleife aus Arbeiten, Konsumieren und Selbstoptimierung drängt. Das System stabilisiert sich auch nicht dadurch, dass es Kritik verbietet, sondern dadurch, dass es Kritik durch Reizüberflutung und Konsumangebote marginalisiert und wirkungslos macht.

Das oben erwähnte Glücksversprechen durch Konsum wirkt im Übrigen wie eine psychologische Narkose. Uns wird suggeriert, dass Freiheit bedeutet, zwischen 50 verschiedenen Streaming-Diensten, Automodellen oder Urlaubsdestinationen wählen zu können. Diese „Konsumfreiheit“ verschleiert jedoch den massiven Verlust an gestalterischer Freiheit im Großen.

Aus einer evolutionären Perspektive könnte man sagen: Das gegenwärtige, krypto-feudale System ist darauf optimiert, die materiellen Ressourcen und die Aufmerksamkeit der Menschen abzusaugen. Es nutzt unsere biologischen Trigger (z.B. Belohnungszentrum durch Konsumreize, oder Stammesdenken in den asozialen Medien) schamlos aus, um sich selbst zu erhalten und immer weiter zu wuchern.

Die Ethik Jesu könnte man – unabhängig davon, ob man an Gott glaubt – als den Versuch sehen, den Menschen aus dieser biologisch-sozialen Manipulation aufzuwecken. Sie fordert dazu auf, die Verblendung zu durchschauen, der Macht die Masken vom Gesicht zu reißen und den Fokus auf das zu richten, was dem Leben jenseits des Marktwertes Sinn verleiht: radikale Solidarität, Gerechtigkeit und die unbedingte Würde des Nächsten (womit insbesondere auch der Fremde, der Ausländer, gemeint ist).

Das Tragische ist: Die Großkirchen haben sich im Laufe der Jahrhunderte selbst zu „feudalen“, bürokratischen und hierarchischen Institutionen entwickelt. Sie sind strukturell Teil des Establishments geworden, das sie eigentlich ständig hinterfragen müssten. Wenn eine Kirche selbst wie ein schwerfälliger Großkonzern oder eine Behörde agiert, kann sie Menschen, die unter dem Druck des modernen Systems leiden, kaum noch als Ort der Befreiung erscheinen.

Vielleicht braucht es für die Zukunft den Mut, die Ethik und die psychologische Kraft dieser Botschaft von der verkrusteten Hülle der Institutionen zu trennen. Wenn das Christentum als „Volkskirche“ stirbt, überlebt es vielleicht so, wie es in Rom begonnen hat: als kleine, dezentrale, subversive Gemeinschaften von Menschen, die dem rauen Klima der Welt eine radikale Praxis der Nächstenliebe und der Sinnstiftung entgegensetzen.

Daß Kirchenfunktionäre bei diesem Gedanken existenzielle Angst bekommen, ist nachvollziehbar – schließlich hängen daran Arbeitsplätze, historische Besitztümer und gesellschaftlicher Einfluss. Aber historisch gesehen war spätestens der Moment, in dem die Kirche Staatskirche wurde (unter Konstantin und Theodosius im 4. Jahrhundert), zwar ihr größter politischer Triumph, aber gleichzeitig der Beginn ihrer theologischen und ethischen Domestizierung. Als das Christentum zur Staatsreligion wurde, musste es plötzlich die Herrschaft des Kaisers legitimieren, Kriege segnen und Machtstrukturen absichern. Die radikal subversiv-pazifistische Ethik Jesu wurde zugunsten des Machterhalts im Alltag auf Zwergengröße geschrumpft.

Es scheint mir ein durchaus plausibles Szenario zu sein, dass das Ende der Staats- und Volkskirchen wie wir sie kennen der Botschaft Jesu eine neue, ungeahnte Authentizität und Freiheit zurückgibt. Wenn die Kirche nichts mehr zu verlieren hat (keine Privilegien, keine Steuereinnahmen, keine politische Rücksichtnahme), kann sie wieder ungemütlich, prophetisch und radikal werden.

Allerdings mahnen viele auch vor den Folgen, wenn der mässigende Einfluss der Volkskirchen schwächer wird oder ganz wegfällt. Ohne diesen Einfluss neigen schrumpfende religiöse Gemeinschaften oft zur Radikalisierung. Sie bauen geistige Festungsmauern auf, werden dogmatisch unnachgiebig und exklusiv („Wir gegen die sündige Welt“). Das sieht man heute schon bei vielen evangelikalen oder ultrakonservativen Gruppierungen (z. B. in den USA oder in Teilen Südamerikas). Sie kompensieren den Bedeutungsverlust mit lautstarkem Kulturkampf, politischer Hetze und moralischer Überheblichkeit. Das ist genau das dogmatische, ausgrenzende „neue Rom“, das Jesu Botschaft im Kern verrät.

Der weitaus hoffnungsvollere Weg ist das, was der Soziologe und Theologe Tomas Halik oder auch der spätere Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) schon vor Jahrzehnten als „kreative Minderheiten“ bezeichneten.

Das Christentum versteht sich nicht mehr als Massenbewegung, sondern – um ein biblisches Bild zu nutzen – als „Salz der Erde“. Man braucht nicht tonnenweise Salz, ein paar Gramm genügen, um einer Speise Geschmack zu verleihen.

Diese Gruppen definieren sich nicht über Dogmen oder moralische Reinheit, sondern über ihre Praxis. Es sind kleine, offene Netzwerke, die Räume der Stille, der echten Gemeinschaft und der unvoreingenommenen Hilfe in einer rauen Welt anbieten. Sie sind agnostikerfreundlich, intellektuell redlich und sozial engagiert.

Vielleicht erleben wir gerade nicht das Sterben des Christentums, sondern nur das Sterben einer bestimmten, historisch überholten Form des Christentums (des Konstantinischen Zeitalters).

Wenn der ganze administrative Überbau – die Kirchensteuer, die Prunkbauten, die klerikalen Hierarchien – erst einmal weggebrochen ist, bleibt nur noch das Fundament übrig. Und dieses Fundament besteht aus einer existentiellen Sinnstiftung und einer radikalen Ethik.

Diese Botschaft braucht keine Staatsverträge, um zu überleben. Sie braucht nur Menschen, die sie leben. Und das geht auch ohne Dogmenzwang und leere Gräber…

Nachtrag Elling: Wenn Edmund hier von der Ethik in der Botschaft Jesu spricht, dann darf man nicht vergessen, dass diese Ethik im Zusammenhang steht und auch begründet wird durch seiner Verkündigung des nahenden Reich Gottes (d.h. der nahenden Gottesherrschaft). Die frühen Christen waren der Meinung, dass die Rückkehr Jesu als Weltherrscher, der alles „in Ordnung bringen“ würde, kurz bevorstand. Erst als das zwei Generationen lang nicht passierte, kamen manche auf die Idee, dass das „Reich Gottes“ vielleicht eher eine metaphysische Angelegenheit sein könnte, eine verborgene Kraft, ein Potential, welches nur durch unser Denken und Handeln erlebbare Realität wird.

Das heißt, dass für die frühen Christen das Reich Gottes und natürlich die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen die Begründung der radikalen Ethik Jesu war. Ohne diese Begründung bleibt nur, dieser Ethik um ihrer selbst willen zu folgen, weil man einfach „gut“ sein will. Jeder mit etwas Lebenserfahrung erkennt die Probleme, die sich früher oder später daraus ergeben. Oder man transzendiert bzw. übersetzt die Idee vom „allgegenwärtigen Reich Gottes“ im Sinne der sog. „Präsentischen Eschatologie“ in heutige Denkmuster bzw. Begriffe. Wie man dabei aber nicht in beliebig austauschbare „Lifestyle-Esoterik“ abrutschen kann, ist mir unklar. Naja, vielleicht werden ja doch noch irgendwann Midichlorianer in unserem Blut entdeckt…

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2 Gedanken zu “Relevanzkrise der Kirchen: Was bleibt?”

  1. Ein (vielleicht etwas zynischer) Mensch könnte fragen: Worin begründet sich denn die „radikale, subversive Ethik“ Jesu, wenn man „Gott“ aus der Gleichung streicht? Ohne Begründung ist jede Ethik nur eine „Meinung“…

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    1. Ja, richtig. Der Beitrag enthält viele unbeantwortete Fragen, auch worin genau die „existenzielle Sinnstiftung“ der Botschaft Jesu besteht, wenn man Gott oder das „Reich Gottes“ heraus kürzt. Aber eben, es geht hier mehr um einen (leicht provokanten) Diskussionsbeitrag als um eine wissenschaftliche Abhandlung…😉

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