Relevanzkrise der Kirchen: Was bleibt?
von Edmund Bünting
Warum verlassen in vielen Ländern Europas immer mehr Menschen die Kirchen? Das Thema beschäftigt mich seit langem aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist, dass ich nicht verstehe, warum die christliche Botschaft keine Resonanz mehr zu finden scheint. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst sowohl Naturwissenschaftler als auch Theologe bin – ein „abgebrochener“, aber immerhin. Ich könnte mich einen „Student der Theologie“ nennen, aber damit würde ich mich auf eine Stufe mit Karl Barth stellen, einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, was mir wahrhaftig nicht zusteht.
Wie auch immer, einige Jahre Theologie-Studium, insbesondere der historisch-kritischen Textforschung, ließen mich in Bezug auf wesentliche kirchliche Dogmen als Agnostiker zurück (wie vermutlich 90 % aller Theologen, auch wenn das keiner zugibt, der bei der Kirche angestellt ist oder werden will…). Für mich war schnell klar, dass ich unter solchen Umständen kein Pfarramt ausüben könnte. Denn solche Pfarrer gibt es wohl schon mehr als genug. Aber bevor hier ein falscher Zungenschlag aufkommt – ich halte das für ein Zeichen intellektueller Redlichkeit, und das ist nicht unbedingt der Grund, warum die Kirchen in einer Relevanzkrise stecken. Jedenfalls nicht der eigentliche Grund.
Ein wesentlicher, sozusagen „inhaltlicher“ Grund scheint mir, kurz zusammengefasst, darin zu liegen, dass es zunehmend schwieriger wird, überhaupt an einen (personalen, geschichtswirksamen) Gott zu glauben. Und dieser Unglaube kulminiert in dem zentralen Ereignis, welches quasi der Urknall der christlichen Tradition ist, nämlich die Auferstehung des gekreuzigten Wanderpredigers Jesus „am dritten Tag“ (genau genommen waren es 1 ½ Tage, Freitagnachmittag bis Sonntagmorgen), die für den modernen, halbwegs gebildeten Menschen einfach völlig unverständlich und unglaubwürdig erscheint. Doch das zu glauben ist schlussendlich die Eintrittskarte in den Verein, wie immer man das auch dreht.
Niemand weiß, was damals wirklich passiert ist. Das leere Grab bezweifelt kaum jemand, sowas tut dem Verstand ja auch nicht besonders weh. Irgendwer hat womöglich die Leiche Jesu entfernt, vielleicht die Schergen des Hohepriesters, die Angst hatten, dass dort ein Wallfahrtsort entstehen würde (was später dann ja auch passierte, aber da gab es die Hohepriester und den Tempel längst nicht mehr). Vielleicht war es der Besitzer der Grabkammer, der sie noch für sich selbst nutzen wollte. Vielleicht ein fanatischer Jünger. Oder hat Jesus die Kreuzigung überlebt? Klingt unwahrscheinlich, aber eben, wir wissen nicht, was passiert ist.
Alle Berichte über die Kreuzigung, die Auferstehung und die Begegnungen mit dem Auferstandenen aus der Bibel entstammen der sog. „nachösterlichen Gemeindetradition“, sind also nicht als Tatsachenberichte zu lesen, sondern als „Verkündigung“, als Predigt und Glaubenszeugnis. Doch auch hier gehen alle theologisch Informierten noch mit: Offensichtlich glaubten die Jünger Jesu nach der Katastrophe vom Karfreitag wirklich, dass Jesus nicht tot ist.
Die dogmatische Erklärung dafür ist, dass je nachdem Jesus entweder tatsächlich leiblich auferstanden ist oder sein Körper „transformiert“ wurde in einen „geistlichen“ Leib – so oder so auf eine Weise, die dem logischen Verstand verborgen bleibt.
Kurz ein paar Gedanken dazu, warum die Auferstehung aus der Sicht der Anhänger Jesu (zuerst nur eine kleine Gruppe innerhalb der jüdischen Gemeinde) so wichtig war. Soweit ich es im Studium verstanden habe, ging das aus „historisch-kritischen“ Sicht ungefähr so zu:
Ein Messias, der umgebracht wurde, war ein falscher Messias. Davon gab es um die Zeit Jesu viele. Die meisten behaupteten, von Gott gesandt zu sein und wollten einen apokalyptischen „Heiligen Krieg“ gegen die Römer führen, um das Königtum Davids in Form eines „Gottesreichs“ in Israel wieder herzustellen. Das haben sie in der Regel nicht überlebt. In der Antike war klar: Wer Erfolg hat, hat recht. Wer dagegen umgebracht wird, der hat Gott nicht auf seiner Seite, ist also logischerweise kein echter Messias.
Nun hat Jesus aber anscheinend keinen Krieg führen wollen, sondern, im Gegenteil, unbedingte Nächsten- und Feindesliebe sowie Fürsorge für Arme, Kranke und Ausgestoßene gepredigt. Das kam den Juden seiner Zeit seltsam vor, denn dass war nicht ganz der Messias auf den sie hofften.
„Du bist nicht das, was du besitzt, was du leistest oder was das System aus dir macht. Du bist ein einzigartig wertvolles Wesen mit absoluter Würde, und deine Aufgabe ist es, diese Würde auch im Anderen zu schützen.“
GOTT (laut Jesus von Nazareth)
Trotzdem waren seine Jünger wohl davon überzeugt, dass er von Gott gesandt war. Und dieser Glaube wurde durch Jesu Kreuzigung erst einmal zerschmettert.
Aber dann kamen sie, wie auch immer, auf die Idee, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Das war für sie das untrügliche Zeichen dafür, dass er doch der echter Messias war. Das, so schien es ihnen, wurde von Gott durch das Auferstehungswunder ultimativ bestätigt. Aber das machte seinen brutalen Tod für die Jünger noch nicht weniger erklärungsbedürftig. Und diese Erklärungsnot war der Ausgangspunkt für die Sühneopfer- / Erlösungstheologie, die sich dann im Rückgriff auf die entsprechenden Stellen der Thora innerhalb weniger Jahre entwickelt hat.
Jetzt könnte man denken: Die ethische Botschaft Jesu hatte doch auch für sich genommen genug revolutionäre soziale Sprengkraft. Das wäre auch ohne Auferstehung und Erlösungstheologie etwas Tolles gewesen – wozu also die ganze Mühe? Die Antwort darauf ist: Wahrscheinlich wüssten wir ohne die Auferstehung heute nichts mehr davon. Die seltsam mythologisch anmutende Geschichte von der Auferstehung und die daraus abgeleitete Theologie von Sühneopfer und Erlösung der ganzen Menschheit machte damals die Sache zum Angelpunkt der gesamten Welt- und Heilsgeschichte. In einer Welt, in der der Glaube an Götter, Geister, Dämonen und Zauberei völlig normal war, war das ein absoluter Knüller – eine Befreiung von rachsüchtigen Gottheiten, denen man ständig opfern musste, von Horoskopen und von all den anderen gefährlichen Mächten. Im Vergleich dazu waren die ethischen Regeln und praktischen Weisheiten des irdischen Jesu, für sich genommen, nachrangig. Paulus hat seine Ethik mehr oder weniger aus seiner Erlösungstheologie extrapoliert, denn er hatte Jesus nie selbst kennen gelernt. Und weil ihn das gegenüber den Augenzeugen zurücksetzte, ignorierte er deren Erzählungen weitgehend…
Historisch gesehen war die Sühnetheologie des Paulus so etwas wie die «Trägerrakete», die notwendig war, um die Raumkapsel mit der Botschaft der radikalen Nächstenliebe und der Entmachtung des Egos aus der Anziehungskraft der damaligen Zeit in die Umlaufbahn der Weltgeschichte zu schießen.
Edmund Bünting
Sollte es anfänglich alternative Bewegungen gegeben haben, die allein auf den überlieferten Sprüchen und Reden des irdischen Jesus etwa in Galliläa aufbauten (die berühmte Spruch-Quelle „Q“), dann sind sie im Laufe des ersten Jahrhunderts untergegangen oder in der Auferstehungstradition aufgegangen (die Eboniten haben länger durchgehalten, aber kennt die noch jemand? Eben…)
Was allgemein Ethik angeht, so gab es damals übrigens in der römisch-griechischen Welt noch ganz andere Schwergewichte, den Platonismus, die Stoiker und noch viele andere Strömungen und Kulte, die mehr „intellektuelle Substanz“ und lange Denktraditionen bieten konnten – und die den meisten Menschen damals wohl auch weniger widersinnig erschienen als „liebt eure Feinde“.
Dass in unserer heutigen Zeit die paulinische Sühnetheologie oft kaum noch überzeugt, hat einen einfachen Grund: Dieses antike Deutungsmuster hat seine Plausibilität längst verloren. Für den Menschen der Antike war die Vorstellung von Opfern, Sühne und der Wiederherstellung einer kosmischen Ordnung durch Blut vollkommen logisch. Für uns heute – zumindest für die Agnostiker unter uns – ist das ein anthropologisches Relikt. Ein Gott, der das Blut seines Sohnes braucht, um vergeben zu können, wirkt auf den modernen Menschen doch eher befremdlich als tröstlich.
Historisch gesehen war die Sühnetheologie des Paulus so etwas wie die «Trägerrakete», die notwendig war, um die Raumkapsel mit der Botschaft der radikalen Nächstenliebe und der Entmachtung des Egos aus der Anziehungskraft der damaligen Zeit in die Umlaufbahn der Weltgeschichte zu schießen. Denn erst die kosmische Dimension des Erlösungsglaubens gab den Menschen die beispiellose, mitunter fanatische Energie, für diesen Glauben sogar bis in die Löwengruben und Arenen Roms zu gehen. Nur wenige Märtyrer sterben für eine „gute Sozialethik“. Man starb aber massenhaft für den auferstandenen Herrn der Welt und das kommende Reich Gottes.
Heute, nach 2000 Jahren, ist diese Trägerrakete (die paulinische Theologie) für viele ausgebrannt und abgestürzt. Was aber bleibt, ist die Kapsel mit der Überlieferung. Und diese Kapsel enthält genau das, was unsere gegenwärtige Welt dringend braucht: Eine Botschaft, die den Menschen aus seiner Entfremdung befreit und ihm sagt:
„Du bist nicht das, was du besitzt, was du leistest oder was das System aus dir macht. Du bist ein einzigartig wertvolles Wesen mit absoluter Würde, und deine Aufgabe ist es, diese Würde auch im Anderen zu schützen.“
Paulus hat diese Botschaft damals gerettet, indem er eine mythologische Religion begründete, die die Stürme der Zeit überdauerte. Wir retten sie heute vielleicht, indem wir sie entmythologisieren und wieder ganz praktisch beim Wort nehmen.
Wir spulen vor ins 21. Jahrhundert….
Man könnte meinen, dass die Ethik der Menschenwürde heute längst in säkularen Institutionen wie der UN-Charta der Menschenrechte oder auch dem Deutschen Grundgesetz verwirklicht wurde – und darum den Kirchen ihr „Monopol auf Menschenwürde“ genommen wurde. Leider ist fast alles an dem Gedanken falsch. Und mit dem Postulat „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist per se noch nichts erreicht.
Ich habe vielmehr das Gefühl, dass das soziale Klima in der Gesellschaft immer rauer wird. Der ungeschminkte Egoismus findet immer breitere Akzeptanz. Er gilt geradezu als „smart“, und zwar nicht erst seit einem grenzdebilen Donald Trump oder den Hetzparolen einer AfD – die zeigen nur, was mittlerweile alles schon sagbar ist. Jeder will sich selbst maximale Freiheiten gönnen, um die persönlichen Vorteile zu maximieren. Regeln sollen am besten nur für die anderen gelten.
Warum ist das so? Hier ein paar provisorische Gedanken dazu:
Die Ungleichheit der Vermögensverteilung steigt immer mehr und ist längst nicht mehr nur ein gut verdrängtes internationales Thema (Stichwort Nord-Süd-Gefälle), sondern zunehmend auch ein soziales Binnenthema. Wir erleben den fortdauernden Aufstieg eines „Krypto-Feudalismus“, der auf wachsenden Vermögen beruht, die so gross sind, dass ganze Dynastien davon leben können. Soziale Gerechtigkeit und ökonomische Teilhabe wird nicht (mehr) vom Staat garantiert. Die demokratischen Institutionen stehen in der Gefahr, immer mehr zum Puppentheater des Kapitals zu werden. Wir nehmen meistens kaum Notiz davon, vielleicht weil wir medial oder auch durch trügerische Konsumversprechen zu abgelenkt sind, aber faktisch leben wir (wieder oder immer noch) in einer Welt, in der (mindestens im großen Maßstab) im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren (Reicheren) gilt. Ebenso ist die Grundüberzeugung der Antike weit verbreitet „Der Erfolg hat recht und rechtfertigt somit die Mittel“. Oder anders ausgedrückt: Die Wahrheit gehört dem Sieger.
Es ist eine der grossen Wahnvorstellungen unserer Zeit, dass wir alle Probleme lösen könnten, indem wir in allem immer „effizienter“ werden.
Edmund Bünting
Verbunden mit dieser unvorstellbaren Vermögenskonzentration schrumpfen die Sozialsysteme, die Gesundheitsleistungen und die Investitionen in das Gemeinwohl. Der Anteil der Bevölkerung, für den das Leben wirtschaftlich schwierig ist, steigt. Und parallel dazu werden die Menschen sozial immer mehr isoliert, nicht zuletzt durch die sog. „Sozialen Medien“ (wir sollten sie daher wohl besser „Asoziale Medien“ nennen). Alles wird immer „virtueller“ oder „digitaler“. Perfide Algorithmen manipulieren die Wahrnehmung und halten unsere Aufmerksamkeit gefangen. Die digitalen Medien fressen Zeit ohne Ende. Und diese Zeit fehlt dann für «echtes» (analoges) Leben.
Gleichzeitig unterliegt alles einem ständigen Optimierungszwang. Es ist eine der grossen Wahnvorstellungen unserer Zeit, dass wir alle Probleme lösen könnten, indem wir in allem immer „effizienter“ werden. Dabei sickert hier eigentlich nur das zentrale Credo der (Groß-) Investoren unbemerkt in alle Lebensbereiche ein: Wie schaffe ich es, aus viel Geld noch mehr Geld zu machen? – Und so werden nebenbei immer mehr Menschen abgehängt, mit dem impliziten Vorwurf, sie seien selbst schuld, weil sie es nicht geschafft haben, „marktfähig“ zu bleiben.
Aus einer evolutionären Perspektive könnte man sagen: Das gegenwärtige krypto-feudale, plutokratische System ist darauf optimiert, die materiellen Ressourcen und die Aufmerksamkeit der Menschen abzusaugen – und zwar besser als alle anderen (gegenwärtigen oder früheren) Gesellschaftsformen. Es nutzt unter anderem unsere biologischen Trigger (z.B. Belohnungszentrum durch Konsumreize oder Stammesdenken in den asozialen Medien) schamlos aus, um sich selbst zu erhalten und immer weiter zu festigen.
Kurz zusammengefasst: Der enorme Materialismus, das Diktat der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die abnehmende Teilhabe immer grösserer Bevölkerungsteile und die Abwertung von Sinn und Bedeutung durch das Konsum-Paradigma bereiten den Boden für den Vormarsch einer «Hauptsache Ich» – Mentalität.
Und hier schließt sich historisch ein fast schon unheimlicher Kreis: Die Welt, in der wir heute leben, ähnelt sozioökonomisch und psychologisch erstaunlich stark derjenigen, in der das frühe Christentum entstand. Vergleichen wir meine rudimentäre soziologische Betrachtung einmal mit der historischen Realität des 1. Jahrhunderts:
| Phänomen heute | Die Parallele im antiken Rom |
| Krypto-Feudalismus & Ungleichheit | Ein winziger Kreis von senatorischen und ritterlichen Dynastien besaß fast das gesamte Vermögen des Reiches. Die breite Masse lebte in prekären Verhältnissen in den Mietskasernen Roms. |
| Raues soziales Klima / Egoismus | Die römische Gesellschaft war brutal hierarchisch und egoistisch. Mitleid galt oft als Schwäche. Recht hatte, wer Macht oder Geld hatte. |
| Vereinsamung & Virtuelle Isolation | Die Metropole Rom war eine anonyme Millionenstadt. Menschen verloren ihre familiären Wurzeln in den Provinzen und waren sozial isoliert und entwurzelt. |
| Konsum-Paradigma & Sinnverlust | Das kaiserliche Prinzip von „Panem et Circenses“ (Brot und Spiele) – billige Nahrung und brutale Unterhaltung im Kolosseum –, um die Massen ruhigzustellen und vom Mangel an politischer Teilhabe abzulenken. |
In genau diese Welt des antiken Feudalismus platzte die frühe christliche Bewegung hinein. Und sie lieferte damals genau den radikalen Gegenentwurf, den wir heute schmerzhaft vermissen:
- Radikale Dekonstruktion des sozialen Status: In einer Welt, in der der Wert eines Menschen von seinem Sklavenstatus, seinem Vermögen oder seiner römischen Bürgerschaft abhing, sagte das Christentum: Vor Gott gibt es weder Sklave noch Freie, weder Jude noch Grieche. Jeder Mensch besitzt dieselbe unantastbare Würde (Imago Dei).
- Gelebte Solidarität statt staatlicher Almosen: Während der römische Staat Getreide nur zur Ruhigstellung verteilte, organisierten die frühen Christen eine echte, verlässliche Sozialfürsorge aus eigenen Mitteln. Sie pflegten Kranke (auch Fremde bei Pestepidemien), unterstützten Witwen und teilten ihren Besitz. Das war kein staatliches Programm, sondern direkte, gelebte Nächstenliebe.
- Sinn gegen den Nihilismus: Gegen die Sinnleere des Panem et Circenses setzte das Christentum eine existentielle Hoffnung. Das Leben war nicht nur das Warten auf den nächsten Gladiatorenkampf, sondern hatte eine intrinsische Bedeutung und Würde.
Man kann sich angesichts dieses Vergleichs des Eindrucks kaum erwehren, dass die christliche Botschaft gerade heute so relevant ist wie schon lange nicht mehr. Das Überraschende (und Tragische) ist: Die Großkirchen haben diesen beängstigenden gesellschaftlichen Entwicklungen offensichtlich nur wenig oder gar nichts entgegenzusetzen. Man hört bestenfalls hier oder dort einmal ein leises Stimmchen, dass vorsichtige Kritik als Einzelmeinung formuliert, oder liest dann und wann ein sorgfältig ausgearbeitetes, „differenziertes“ Positionspapier mit 25 Unterkapiteln, das dann schnell und folgenlos im Schrank verschwindet. Die Kirchen sind strukturell Teil des Establishments, das sie eigentlich ständig hinterfragen müssten. Wenn eine Kirche selbst wie ein Großkonzern oder wie eine Behörde agiert, kann sie Menschen, die unter dem Druck des modernen Systems leiden, kaum noch als Ort der Befreiung erscheinen.
Aus einer Kirche der Taten wurde nach und nach eine Kirche der Worte.
Edmund Bünting
Historisch gesehen war der Moment, in dem die Kirche Staatskirche wurde (unter Konstantin und Theodosius im 4. Jahrhundert), zwar ihr größter politischer Triumph, aber gleichzeitig der Beginn ihrer theologischen und ethischen Domestizierung. Als das Christentum zur Staatsreligion wurde, musste es plötzlich die Herrschaft des Kaisers legitimieren, Kriege segnen und Machtstrukturen absichern. Die radikal-soziale, subversiv-pazifistische Botschaft Jesu wurde zugunsten des eigenen Machterhalts im Alltag auf Zwergengrösse geschrumpft. Aus einer Kirche der Taten wurde nach und nach eine Kirche der Worte.
Vielleicht braucht es für die Zukunft den Mut, die fundamentale Kraft dieser Botschaft von der verkrusteten Hülle der Institutionen zu trennen? Wenn das Christentum als „Volkskirche“ stirbt, überlebt es vielleicht so, wie es in Rom begonnen hat: Als eine Bewegung kleiner, dezentraler, subversiver Gemeinschaften von Menschen, die dem rauen Klima der Welt eine radikale Praxis der Nächstenliebe und der Solidarität entgegensetzen.
Dass Kirchenfunktionäre bei diesem Gedanken Schweißausbrüche bekommen, ist nachvollziehbar – schließlich hängen daran Arbeitsplätze, Besitzstand, Status und gesellschaftlicher Einfluss. Aber es scheint mir durchaus möglich zu sein, dass das Ende der Staats- und Volkskirchen, wie wir sie kennen, der Botschaft Jesu eine neue, ungeahnte Authentizität und Freiheit zurückgibt. Erst wenn die Kirche nichts mehr zu verlieren hat (keine Privilegien, keine Steuereinnahmen, keine politische Rücksichtnahme), kann sie wieder ungemütlich, prophetisch und konsequent im Sinne der Menschlichkeit werden.
Diese Botschaft braucht keine Staatsverträge. Sie braucht Menschen, die sie leben.
Edmund Bünting
Wenn der administrative Überbau – die Kirchensteuer, die Prunkbauten, die klerikalen Hierarchien – in den Hintergrund tritt, kommt das Fundament wieder zum Vorschein. Und dieses Fundament besteht aus einer existentiellen Sinnstiftung und einer radikalen Sozial-Ethik, nicht aus dogmatischen Kraftmeiereien und apologetischen Nebenschauplätzen.
Diese Botschaft braucht keine Staatsverträge. Sie braucht Menschen, die sie leben. Und das geht im Zweifelsfall auch ohne Dogmenzwang und leere Gräber…

Nachtrag Elling:
Wenn Edmund hier von der Ethik in der Botschaft Jesu spricht, dann darf man nicht vergessen, dass diese Ethik im Zusammenhang steht mit und begründet wird durch seiner Verkündigung des nahenden Reich Gottes (d.h. der nahenden Gottesherrschaft) und der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen (und ja, die Verkündigung Jesu steht hier in starkem Gegensatz zur Lehre des Pharisäers Paulus!). Die frühen Christen waren der Meinung, dass die Rückkehr Jesu als göttlicher Weltherrscher, der alles „in Ordnung bringen“ würde, kurz bevorstünde. Erst als das zwei Generationen lang nicht passierte, kamen manche auf die Idee, dass das „Reich Gottes“ vielleicht eher eine metaphysische Angelegenheit sein könnte – eine verborgene Kraft, oder ein Potential, welches (nur) durch unser Handeln erlebbare Realität wird.
Ein (vielleicht etwas zynischer) Mensch könnte fragen: Worin begründet sich denn die „radikale, subversive Ethik“ Jesu, wenn man „Gott“ aus der Gleichung streicht? Ohne Begründung ist jede Ethik nur eine „Meinung“…
Ja, richtig. Der Beitrag enthält viele unbeantwortete Fragen, auch worin genau die „existenzielle Sinnstiftung“ der Botschaft Jesu besteht, wenn man Gott oder das „Reich Gottes“ heraus kürzt. Aber eben, es geht hier mehr um einen (leicht provokanten) Diskussionsbeitrag als um eine wissenschaftliche Abhandlung…😉