Nie wirst Du so alt sein wie du aussiehst… (Teil 1)

Das ist banal: Ältere Leute sehen anders aus als jüngere Leute, und nicht immer besser. Man sollte denken, dass es darüber nicht viele Worte zu verlieren gibt, da es sich doch um so etwas wie ein Naturgesetz handelt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Viele Menschen haben Probleme mit dem sich verändernden Aussehen und versuchen, auch noch den letzten Hauch von jugendlicher Frische so lange wie möglich zu konservieren. Bei Männern ein zentrales Thema: Die Haare werden grau und mehr oder weniger dünn. Da hilft nur Färben, solange noch etwas zum Färben da ist. Toupés wirken auf die meisten Leute lächerlich und sind entsprechend selten anzutreffen – oder sind sie inzwischen so gut, dass sie keiner mehr bemerkt? Wer weiß, aber irgendwann kommt dann ja doch die Stunde der Wahrheit.

Graue Schläfen stehen traditionell hoch im Kurs. Bei Politikern oder Geschäftsleuten symbolisieren sie Erfahrung und Seriosität – zumindest war es einmal so. Wer sich umgekehrt mit 60 die Haare färbt und dann noch mit naiver Sturheit behauptet, das wäre „Natur“, den würde ich nicht unbedingt zum Bundeskanzler wählen wollen.

Die Falten um die Augen gehen nach dem Lachen auch schon länger nicht mehr weg. Offenbar gibt es hier aber Mittel und Wege, dem irgendwie beizukommen. In einem renommierten Möbelgeschäft bei Zürich haben wir einmal eine Verkäuferin getroffen, die mich diesbezüglich ziemlich verwirrt hat. Ihre Arme, Hände und Dekolleté waren faltig und mit Altersflecken bedeckt. Auch ihrem Verhalten und ihrer Redeweise nach hätte ich sie als weit über 60 eingeschätzt. In ihrem Gesicht zeigten sich aber so gar keine Falten. Ihre Haut war beinahe so glatt wie bei einer 20-jährigen. So etwas hatte ich bis dahin noch nie (bewusst) gesehen. Entweder verfügte diese Person über geheime Pflegemittel, auf die selbst Kleopatra neidisch gewesen wäre, oder sie war mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. In meinen Augen hatte ihre ambivalente Erscheinung etwas leicht gruseliges, was weder ihre Attraktivität noch ihre Vertrauenswürdigkeit verstärkte. Aber wer weiß, vielleicht war das ja auch gar nicht ihr Ziel?

Mehr oder weniger tiefgreifende kosmetische Eingriffe, um jünger zu scheinen als man ist, sind offenbar weit verbreitet (in der Stunde der Wahrheit aber – wie gesagt – nur von begrenztem Nutzen). Witziger Weise kommt bei jüngeren Menschen der umgekehrte Wunsch auch vor. Ich war als Teenie und junger Erwachsener jedenfalls immer ein bisschen stolz darauf, wenn ich mal für ein paar Jahre älter gehalten wurde als ich tatsächlich war. Das half dem fragilen Selbstbewusstsein etwas auf die Beine. Jeder will ja schließlich so viel wie möglich ernst genommen und respektiert werden.

Ich nehme an, die Motivation für optische Verjüngungsaktionen bei älteren Menschen gründet in demselben Wunsch. Wobei damit unterstellt wird, dass jemand, der alt aussieht, womöglich allein darum weniger respektiert oder ernst genommen wird. Dass das Aussehen bei der Beurteilung anderer Menschen unbewusst eine wichtigere Rolle spielt als vielen lieb ist, ist wohl allgemein bekannt. Dabei geht es nicht nur um alt oder jung, sondern generell um attraktiv/unattraktiv. Was genau das ist, ist aber schlussendlich viel weniger festgelegt als viele es sich zugestehen, die in ihrer Selbstwahrnehmung vermeintlichen Sollwerten nicht entsprechen. Es ist insofern also keine ganz spezielle Herausforderung für die ab 50-jährigen, sich mit dem eigenen Aussehen zu arrangieren. Vielmehr müssten Menschen aller Altersstufen eine gesunde Großzügigkeit bei der Beurteilung sowohl der eigenen Erscheinung als auch der Anderer üben. Und dann kann man nur hoffen, dass man solche Freunde und eine solche Arbeitsstelle hat, wo nicht (nur) das Aussehen zählt.

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