Beutelschneider des Tages

Natürlich kann man hergehen und sagen, dass ein Händler jeden beliebigen Preis für seine Ware verlangen darf, nur dass er dann halt sein Zeugs irgendwann nicht mehr los wird. Der BWL-Student im ersten Semester lernt dementsprechend, dass der Preis einer Ware praktisch nichts mit den Gestellungskosten (also grob gesagt die Kosten für Herstellung und Vertrieb) zu tun hat. Vielmehr werden Preise strategisch bestimmt, z.B. anhand der Preis-Absatz-Funktion zur Ermittlung des maximalen Gewinns: Man macht den Preis also nicht so, dass man möglichst viel Stück einer Ware mit einem moderaten Gewinn verkauft, sondern so, dass möglichst der maximale Gewinn eingefahren wird. Praktisch bedeutet das, dass man das Zeugs so lange idiotisch teuer machen kann, wie es noch genug Deppen gibt die es trotzdem kaufen. Das scheint in der Schweiz ganz besonders gut zu funktionieren, denn hier ist die sog. „Preisbereitschaft“ ausgesprochen hoch. Zum einen, weil anscheinend wirklich alle glauben, die Sachen müssen halt teuer sein in der Schweiz – was angesichts des eingangs gesagten schon zu einem grossen Teil ein Irrglaube sein dürfte, und was für alle Importwaren, die über die sog. Grossverteiler verkauft werden, sowieso völliger Unsinn ist. Zum anderen scheint es, wenn schon nicht explizite Preisabsprachen, dann aber mindestens so etwas wie eine gemeinsame Preispolitik zu geben, die genau diesem Paradigma folgt und damit versucht, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu sein.

Aktuelles Beispiel gefällig? Man kann ein Adapterset für SIM-Karten (also für die kleinen Dinger, die man in sein Handy steckt, damit man telefonieren kann – und die es in verschiedenen Grössen gab und gibt), bei Migros melectronics für 14,95 CHF kaufen.

Pfennigartikel aus China

Es handelt sich dabei um einen Ramschartikel aus China in billigster, nahezu unbrauchbarer Ausführung.

Alternativ dazu kann man ein wohl vergleichbares Produkt (ich habe es noch nicht getestet, aber es kann gar nicht schlechter sein) bei Aliexpress für „sündhafte“ 0.15 CHF (zzgl. 1.34 CHF Versandkosten) kaufen. Wenn man mehrere Sets bestellt, bekommt man noch 10 % Rabatt und die Portokosten steigen nur minimal… Ich habe jetzt mal rein aus Trotz 5 Sets für insgesamt 2.34 CHF inkl. Versand bestellt (was wohl die Migros bei entsprechend grösserer Stückzahl bezahlt?). Gerne gebe ich die überzähligen Sets für, sagen wir mal, 3 CHF pro Set weiter – bei diesem Direktimport spart Ihr also gigantische 80 % gegenüber einem Kauf bei melectronic (diese Art Prozentrechnen habe ich mir beim Auto Discount Uster abgeschaut…).

Auch Pfennigartikel aus China

Einziger Nachteil: Die Lieferzeiten aus China können bis zu 6 Wochen betragen. Oft geht es aber erheblich schneller, 2 bis 3 Wochen sind je nach Art der Artikel und der handelspolitischen Grosswetterlage realistisch.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das identische Produkt bei digitec.ch aktuell „nur“ 9.90 CHF kostet, ein vergleichbares Produkt bei MediaMarkt Schweiz 4.99 CHF (ggf. zzgl. 2.99 CHF Versandkosten), immer für denselben Billig-Schrott, wohlgemerkt…

Die Marketing-Leute bei der Migros kennen offenbar überhaupt keine Scham (4.99 beim MediaMarkt ist ja schon völlig jenseitig). Frechheit siegt – ob das eine nachhaltige Strategie ist? Sicher nicht in einer schon recht globalisierten Welt, mit relativ offenen Grenzen, die immer weniger Verständnis für nationalen Protektionisimus in Branchen übrig hat, die es ja überhaupt nicht nötig haben.

Natürlich ist es schade um die Zeit, wenn die Migros mich dazu nötigt, im Internet nach alternativen Produkten zu suchen, die ein etwas weniger unverschämtes Preis-Leitungsverhältnis haben. Eigentlich ärgert mich das am meisten. Ich werde es vielleicht in Zukunft so machen, dass ich von allem was ich bei Aliexpress bestelle immer gleich drei bis fünf Artikel kaufe und die überzähligen Produkte dann hier per Kleinanzeige zu einem fairen Preis weiterverkaufe. Der Anfang einer globalen Einkaufs-Genossenschaft…

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